Tischlerei in Neukölln: Warum sich Reparatur wieder rechnet
Das Holzwerk Weichselstraße repariert Möbel, die andere entsorgen. Der Betrieb hat der Redaktion Auftragsbücher und Materialpreise offengelegt.

Neukölln

Tischler hobelt in einer Neuköllner Werkstatt ein Eichenbrett
Eine Reparatur lohnt sich in der Regel dann, wenn der Arbeitsaufwand unter drei Stunden bleibt und das Material solides Vollholz ist. Diese Faustregel nennt Simon Bertram, der das Holzwerk Weichselstraße in Neukölln seit 2016 führt. Bei Spanplatte mit Folienbeschichtung rät er in den meisten Fällen ab.
Der Betrieb hat der Redaktion 180 Aufträge aus dem laufenden Jahr in anonymisierter Form gezeigt. Gut 60 Prozent davon waren Reparaturen, der Rest Einbauten nach Maß. Vor fünf Jahren lag der Reparaturanteil bei knapp einem Drittel. Bertram führt die Verschiebung auf gestiegene Möbelpreise und auf den Berliner Reparaturbonus zurück, über den ein Teil der Rechnung erstattet wird.
Auffällig ist die Preisstruktur. Ein gelöster Stuhlrahmen kostet im Schnitt 45 bis 70 Euro, das Aufarbeiten einer Schrankfront mit neuen Beschlägen liegt bei 120 bis 200 Euro. Neuware vergleichbarer Qualität beginnt in Berlin deutlich darüber, was die Rechnung für Kundinnen und Kunden meist eindeutig macht.
Was der Betrieb nicht verschweigt: Kleinaufträge tragen sich nur, weil die Werkstatt im Hinterhof liegt und die Miete aus einem Altvertrag stammt. Läuft der aus, verschiebt sich die Kalkulation. Genau daran scheitern nach Bertrams Beobachtung viele Werkstätten im Bezirk.
Wer eine Reparatur anfragt, sollte ein Foto der Schadstelle und ein Foto des gesamten Möbels mitschicken. Das spart den Vorort-Termin und macht den Kostenvoranschlag belastbar.
Hinweis der Redaktion: Für diesen Beitrag wurden keine Zahlungen geleistet oder entgegengenommen. Die eingesehenen Unterlagen liegen der Redaktion vor.
Grundlage dieser Recherche
- Holzwerk Weichselstraße: Einsicht in 180 anonymisierte Aufträge, September 2026
- Reparaturbonus Berlin: Förderbedingungen, Stand September 2026
Über die Autorin oder den Autor

Tarek El-Amin
Redakteur Wirtschaft & Gründerszene · im Team seit 01. Februar 2024
Schreibt über Berliner Handwerk, Handel und Startups. Legt Betriebszahlen offen, bevor er über sie berichtet.
Mehr aus Wirtschaft

Remote arbeiten beginnt mit einer konkreten Fähigkeit
Wer in Berlin nach einer neuen beruflichen Richtung sucht, begegnet auch der Möglichkeit, ortsunabhängig zu arbeiten. RemoteWork setzt bei den Aufgaben hinter diesem Arbeitsmodell an und macht Remote Setting als Tätigkeitsfeld zugänglich.


Wallbox im Altbau: Ein Mitter Elektrobetrieb erklärt die Kostenfallen
Zwischen Anmeldung beim Netzbetreiber und Lastmanagement entscheidet sich, ob eine Ladestation im Hinterhof 1.500 oder 6.000 Euro kostet.


Sauerteig gegen Rabattschlacht: Eine Backstube am Arnimplatz rechnet vor
Die Backstube Arnimplatz backt in 22 Stunden Gare und verkauft Brot zu Preisen, die Discounter unterbieten. Warum das trotzdem aufgeht.
