Projekträume unter Druck: Was passiert, wenn die Zwischennutzung endet
Berlins freie Kunstszene lebt seit Jahrzehnten von befristeten Verträgen. Wenn Gewerbemieten steigen, verschwindet sie leise, Raum für Raum, ohne Schlagzeile.

Kreuzberg

Besucherinnen und Besucher bei einer Ausstellungseröffnung in einem Berliner Projektraum
Ein Projektraum ist selten ein Unternehmen. Meist sind es zwei bis fünf Personen, ein Gewerbemietvertrag über drei Jahre und ein Programm, das aus Eigenmitteln und kleinen Förderungen bestritten wird. Genau diese Konstruktion ist der Grund, warum das Verschwinden so unauffällig verläuft: Es gibt keine Insolvenz, nur einen nicht verlängerten Vertrag.
In den Kiezen rund um die Ringbahn hat sich der Preis für Erdgeschossflächen in den vergangenen zehn Jahren deutlich verschoben. Wo früher ein Raum für einen niedrigen dreistelligen Betrag zu haben war, rufen Eigentümer heute Quadratmeterpreise auf, die nur noch Gastronomie oder Filialisten tragen können.
Die Förderlogik hilft dabei nur begrenzt. Projektförderung finanziert Programme, nicht Mieten; wer keine Räume mehr hat, kann auch kein Programm beantragen. Instrumente, die tatsächlich greifen, sind Ankaufsmodelle und langfristige Erbbaurechte, beides langsam, beides politisch umstritten.
Was funktioniert, sind Zusammenschlüsse: Mehrere Initiativen mieten gemeinsam, teilen sich Technik und Öffnungszeiten und verhandeln als ein Vertragspartner. Das senkt die Fixkosten pro Initiative deutlich und macht sie für Vermieter berechenbarer.
Für das Publikum bleibt eine einfache Unterstützungsform: hingehen, und zwar außerhalb der Eröffnungsabende. Besucherzahlen an normalen Öffnungstagen sind das Argument, mit dem Initiativen in Förderanträgen und Mietverhandlungen bestehen.
Über die Autorin oder den Autor

Marlene Voigt
Redakteurin Kultur & Kiezleben · im Team seit 15. Januar 2024
Begleitet Berlins Kulturszene seit den Neunzigern, von der Off-Galerie im Hinterhof bis zur Debatte um Kulturförderung im Abgeordnetenhaus.